| Alpha-1
Antitrypsin (AAT) |
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AAT ist ein Glykoprotein aus 394 Aminosäuren mit einem
Molekulargewicht von 50.000 Dalton. Die genetische Information
ist auf dem langen Arm des Chromosoms 14 lokalisiert. Pro Tag
werden 34 mg synthetisiert. Die Normwerte im Serum werden
beim gesunden Erwachsenen mit 150-400 mg/dl angegeben. Über
90 % der im Körper synthetisierten Menge stammen aus
den Hepatozyten, die übrigen 10 % größtenteils
aus Makrophagen und geringe Mengen aus diversen anderen Zellen.
AAT gehört zu den Akutphase-Proteinen,
die bei Entzündungen verstärkt gebildet werden. Es handelt
sich um eine unspezifische Antiproteinase mit Wirkung gegen zahlreiche
Proteine, wie z.B.Trypsin, Renin, Urokinase. Die Hauptwirkung
richtet sich gegen die Proteinasen aus stimulierten neutrophilen
Granulozyten, und zwar vor allem gegen deren Elastase. AAT inaktiviert
die Proteinasen über eine irreversible 1:1-Komplexbildung.
Genetik
und genetischer Polymorphismus
AAT wird kodominant vererbt, d.h.väterliche
und mütterliche Anlagen werden exprimiert. Es sind 60 verschiedene
Phänotypen identifiziert worden. Die Unterscheidung dieser
Phänotypen erfolgt durch Elektrophorese oder Elektrofokusierung
der Serumproteine. Die Phänotypen werden nach ihrer Wanderungsgeschwindigkeit
in der Elektrophorese in einem Proteinase-Inhibitor-System ( PI
) charakterisiert. Die am schnellsten wandernde Variante wird
mit A bezeichnet, die langsamste mit Z. Homozygote Individuen
haben nur eine, für ein Allel typische Bande, z.B: PiMM.
Heterozygote Merkmalsträger haben Banden von zwei verschiedenen
Allelen, z.B.PiMZ. Das häufigste Allel ist M, das zu einer
normalen Serumkonzentration von AAT führt. Ein M entspricht
etwa 50%, ein S etwa 30% und ein Z etwa 10% einer normalen Serumproduktion.
Somit errechnen sich für den Genotyp PiMM 100% und z.B. für
PiZZ 20% der normalen Serumwerte. Mit Krankheitszeichen ist bei
Serumkonzentrationen unter 40% zu rechnen.
Von medizinischem Interesse sind die Mangelallele Mmalton, P,
W, Null und vor allem S und Z.
PiM ist das normale Protein, Pi Z ist die Mutante, die in mehr
als 95% bei pulmonalen und hepatischen Erkrankungen nachgewiesen
wird.
Der Pi 00-Typ bildet gar kein Protein und hat die frühzeitige
Ausbildung eines Emphysems zur Foge, hepatische Manifestationen
gibt es nicht.
Lebererkrankungen sind nur mit solchen Mutationen verbunden, die
Faltblatt-Polymere bilden, welche dann in der Leber verbleiben
(Pi Z, Pi M (Malton), gemischt Heterozygote vom Typ: Pi ZO, PiSZ,
Pi ZI).
Phänotypen
bei alpha-1-Antitrypsinmangel
| Phänotyp |
Serumkonzentration |
Emphysemrisiko |
| MM |
150-300 mg/dl |
Nicht erhöht |
| SS |
100-140 mg/dl |
Nicht erhöht |
| MZ |
90-150 mg/dl |
Nicht erhöht |
| SZ |
45-80 mg/dl |
Mäßig erhöht: 20-50% Risiko |
| ZZ |
15-50 mg/dl |
Stark erhöht: 80-100% Risiko |
| 00 (Null-Null) |
0 mg/dl |
Regelmäßig |
Molekularpathologische
Grundlagen
Neu synthetisiertes AAT wird in das
endoplasmatische Retikulum (ER) transportiert. Dort wird geprüft,
ob ein regelrecher Glykosilierungsprozeß und eine normierte
Disulfitbrückenformation und Faltung stattgefunden hat. Bei
richtiger Tertiärstruktur verläßt AAT das ER und
wird im Golgi-Apparat verpackt und in sekretorischen Vesikeln
zur Plasmamembran gebracht und steht dem Körper als funktionsfähiges
Peptid zur Verfügung.
Ein pathologisches AAT, das in seiner Tertiärstruktur nicht
dem normalen AAT entspricht, verläßt zunächst
nicht das endoplasmatische Retikulum, sondern verbleibt dort an
Calnexin gebunden und induziert die Konjugation mit Ubiquitin.
Anschließend kann es das endoplasmatische Retikulum verlassen,
um dann von Proteasen abgebaut zu werden. Das fehlerhafte AAT
unterscheidet sich genetisch nur durch eine Punktmutation die
einen Aminosäurenaustausch zur Folge hat. Der Effekt ist
eine Veränderung der Peptidfaltung. Bei der Z-Variante erlaubt
die langsamere Faltung den Peptidmonomeren sich unter Bildung
einer sogenannten Faltblatt-Formation zusammenzulagern. Daraus
entsteht ein AAT-Z-Polymer, welches im ER verbleibt und sich elektronenmikroskopisch
als PAS-positive, Diastase-resistente Granula in den Hepatozyten
darstellt. Die mit dem AAT-D verbundene Lebererkrankung entsteht
durch die Speicherung des abnormen polymerisierten AAT im endoplasmatischen
Retikulum der Hepatozyten. Die daraus resultierende enorme Anreicherung
des fehlerhaften AAT kann zur Zerstörung der Hepatozyten
führen. Offen bleibt allerdings die Frage, warum bei gleichem
Phänotyp nur etwa 10% der PiZZ-Träger eine Lebererkrankung
entwickeln. Unklar ist, ob zusätzliche intrauterine Infektionen
oder Autoimmunprozesse eine Rolle spielen.
Epidemiologie
des Alpha-1-Antitrypsinmangel (AAT-D)
Der AAT- Mangel wird autosomal rezessiv
vererbt. Die Prävalenz wird mit 1:1600-1:1800 in unterschiedlicher
regionaler Frequenz angegeben. Am häufigsten kommt der PiZZ-Typ
in Schweden mit 0,06% (1:1700) vor. In Europa sind 2-3% der Bevölkerung
heterozygot PiMZ und insgesamt 7% nicht homozygot PiMM (PiSZ,
PiZO etc.)
Die PiZ-Mutante unterscheidet sich vom PiM (Normaltyp) dadurch,
dass auf dem Chromosom 14 die Aminosäure Glutamin (342) gegen
Lysin ausgetauscht wird. Dadurch entsteht eine veränderte
Tertiärstruktur des AAT-Peptids.
Die PiS-Mutante ist in Südeuropa stärker vertreten (Spanien,
Frankreich). Bei dieser Mutation wird Glutamin (264) gegen Valin
ausgetauscht.
Nur 10% der homozygoten PiZZ-Träger entwickeln eine neonatale
Cholestase und nur die Hälfte der Kinder mit neonataler Cholestase
bekommen eine Lebererkrankung.
Klinisches
Bild
Der AAT-D manifestiert sich hauptsächlich
an zwei Organsystemen, nämlich der Leber und der Lunge.
Leber
Hier finden sich die frühesten Krankheitszeichen.
Die Hepatopathie kann bereits im Neugeborenenalter beginnen. Entweder
tritt ein Ikterus prolongatus auf oder die Kinder sind klinisch
unauffällig, haben aber biochemische Hinweise auf eine Leberschädigung
(GOT/GPT) oder eine floride neonatale Hepatitis. Der weitere Verlauf
kann dann zu einer völligen Normalisierung führen oder
aber die Transaminasenerhöhung persistiert. Im schlimmsten
Falle ist der klinische Verlauf progredient mit steigenden Transaminasen
und es kommt zu einer kindlichen bzw. juvenilen Leberzirrhose
mit den entsprechenden klinischen Folgen. Die Manifestation einer
Zirrhose ist in jedem Alter möglich, das Risiko scheint aber
jenseits des Kleinkindesalters abzunehmen. Eine weitere, mit dem
AAT-D verknüpfte Folgeerkrankung der Leber ist das Leberzellkarzinom.
Lunge
Im Gegensatz zur Lebererkrankung ist das Lungenemphysem
im Kindesalter eine absolute Ausnahme. Mittels Ganzkörperlungenfunktionsmessverfahren
sind früheste Veränderungen erst ab dem 9. Lebensjahr
feststellbar. Die Hauptmanifestationszeit des Emphysems liegt
im 3. bzw. 4. Lebensjahrzehnt. Der Elastizitätsverlust
führt zum obstruktiven Emphysem mit Ateminsuffizienz und
letztlich zum Cor pulmonale.
Durch den AAT- Mangel kommt es zum Elastasenüberschuß.
Dieser führt zur Zerstörung extrazellulärer Strukturproteine,
insbesondere von Elastin. Elastin repräsentiert 10- 30% der
bindegewebigen Gerüstsubstanz der Lunge.
Die Destruktion von Elastin führt zum `Syndrom der Schlaffen
Lunge´. Charakteristisch sind der vorzeitige und irreversible
Verlust der elastischen Rückstellkraft, die Überdehnung
der Alveolarwände, die Rarefizierung der Lungenbläschen
und ein panlobuläres Emphysem.
Die Konsequenzen des Verlustes der Gasaustauschfläche sind
eine pulmonale Hypertonie mit chronischer Hypoxie und verkürzter
Lebenserwartung mit Rechtsherzversagen.
Ab dem zweiten Lebensjahrzehnt sind jährliche bodyplethysmographische
Lungenfunktionsuntersuchungen die wesentliche diagnostische Maßnahme,
um den Verlust der elastischen Rückstellkraft früh zu
erkennen, der sich in der Erhöhung des Residualvolumens und
der funktionellen Residualkapazität abbildet.
Die klinischen Folgen des AAT-Mangels
in der frühen Kindheit können sich als Cholestase mit
der Komplikation einer hämorrhagischen Diathese oder als
chronische nicht primär cholestatische Lebererkrankung manifestieren.
Hämorrhagische
Erkrankung im Neugeborenenalter
Bei gestillten Kindern mit AAT-D mit Cholestase
kann es zum Vitamin K-Mangel kommen. Mit der Muttermilch resorbiert
der Säugling nicht genügend Vitamin K. Durch den Vitamin
K-Mangel kann es zur Blutungsneigung kommen. Besonders gefährlich
sind Hirnblutungen.
Lungenerkrankungen
bei Kindern mit AAT-D
Kinder und Jugendliche mit AAT-D zeigen in
der Regel keine bedeutenden Normabweichungen in der Lungenfunktionsprüfung.
Ab dem 30.-35. Lebensjahr kommt es dann zu einer Abnahme der FEV.
Rauchen verschlechtert die Lungenfunktion erheblich. Patienten
mit AAT-D sollten also unter keinen Umständen rauchen.
Im Erwachsenenalter
können bei einem AAT-D noch andere Begleiterkrankungen in
anderen Organsystemen wie eine membranoproliferative Glomerulonephritis,
eine Panniculitis oder eine nekrotisierende Vaskulitis beobachtet
werden.
Verlauf
und Prognose
In einer von Sveger 1972 durchgeführten
prospektiven Studie wurden in Schweden 200.000 Neugeborene auf
AAT-D untersucht. Es wurden 127 Kinder mit homozygoten PiZZ
identifiziert und seit dieser Zeit klinisch betreut. 14 dieser
Kinder (=11%) hatten eine Cholestase, von denen 9 Kinder
eine progrediente Lebererkrankung entwickelten. Die übrigen
5 Kinder hatten eine milde verlaufende Form der Lebererkrankung.
8 weitere Kinder hatten nur minimale Abweichungen im Serumbilirubin,
den Serumtransaminasen und der Lebergröße. Nahezu 50%
der verbleibenden Kinder hatten nur leicht erhöhte Serumtransaminasen.
Alle 127 Kinder erreichten das 12. Lebensjahr. Zu diesem
Zeitpunkt waren die Serumtransaminasen bei über 75% der Kinder
normal und keine weiteren Anzeichen einer Lebererkrankung vorhanden.
Der Verlauf von Kindern mit einem Pi-SZ-Typ war noch günstiger.
Kein Kind entwickelte eine Cholestase. Die Leberfunktionswerte
dieser Kinder waren weniger erhöht als bei den Kindern vom
Pi ZZ-Typ.
Bei Kindern, die keine Cholestase und keine
Hepatosplenomegalie sondern nur erhöhte Leberwerte aufweisen,
kann davon ausgegangen werden, dass die Transaminasen im weiteren
Verlauf abfallen und sich in einigen Fällen normalisieren
können.
Bei Säuglingen, die länger als 6 Wochen eine Cholestase
und erhöhte Leberwerte aufweisen, besteht die Gefahr, eine
progrediente Lebererkrankung zu entwickeln. Hier ist eine besondere
fachkompetente Überwachung notwendig, da die Frühzeichen
einer Leberzirrhose nicht übersehen werden dürfen.
Die Prognose für weitere Kinder
von heterozygoten Eltern, die ein Kind haben, das an einer schweren
Form des AAT-D´s erkrankt ist, wird von verschiedenen Autoren
unterschiedlich diskutiert. Das Wiederholungsrisiko, eine schwere
Form des AAT-D´s zu bekommen, kann für weitere Geschwisterkinder
durchaus bei über 70% liegen.
Therapie
Zurzeit gibt es noch keine kausale Therapie,
die die Schädigung der Leber direkt behandelt. Auf molekularbiologischer
Ebene (Gentherapie) gibt es experimentelle Therapieansätze
das fehlerhafte ATT-Z aus dem endoplasmatischen Retikulum zu schleusen,
und/oder die Polymerisation des ATT-Z`s zu verhindern. Das sind
jedoch lediglich Ansätze, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt
noch nicht verwirklicht werden können. Es ist zu hoffen,
dass auf diesem Gebiet in den nächsten Jahren eine Fortentwicklung
stattfindet.
Gegenwärtig gibt es nur eine sogenannte supportive Therapie,
die zum Ziel hat, die Begleiterkrankungen und mögliche Mangelerscheinungen
zu reduzieren oder zu vermeiden. So sollen bedarfsgerecht die
fettlöslichen Vitamine A, D, E und K supplementiert werden.
Durch Ursodesoxycholsäure kann in manchen Fällen die
Cholestase günstig beeinflusst werden. Bei einer Gedeihstörung
können MCT (middle chain triglyceride)-Produkte (z.B. als
Kindermilch erhältlich) hilfreich sein. Prophylaktisch sollten
Impfungen gegen Pneumonie und Hepatitis A und B durchgeführt
werden.
Ist die Lebererkrankung progredient und führt
zu einer massiven Einschränkung der Leberfunktion, so muss
in einigen Fällen eine Lebertransplantation durchgeführt
werden. Prinzipielle gibt es zwei Operationsverfahren die Lebendspende
eines Leberteilstückes von einem lebergesunden Spender und
die Fremdtransplantation.
Über 75% der Kinder, bei denen eine Lebertransplantation
durchgeführt wird, überleben diesen Eingriff. Sie gelten
zwar bezüglich des AAT-D als geheilt, müssen jedoch
lebenslang immunsuppressive Medikamente einnehmen.
Die Erhaltung der Lungenfunktion wird
an erster Stelle durch ein striktes Rauchverbot erreicht. Das
gilt sowohl für die Betroffenen selber, als auch für
Eltern mit betroffenen Kindern.
Künstlich hergestelltes AAT (z. B: Prolastin HS) ist bei
Erwachsenen mit schwerem Emphysem mit gewissem Erfolg versucht
worden.
Kontrolluntersuchungen
In Abhängigkeit von der körperlichen
Entwicklung des Kindes und der Leberfunktionsstörung müssen
in regelmäßigen Abständen Kontrolluntersuchungen
stattfinden. In den ersten Lebensjahren sind sie häufiger
erforderlich. Sie sollten von Kinderärzten durchgeführt
werden, die Erfahrung mit dem Krankheitsbild haben.
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