 |
Klinisch
signifikante HBV-Varianten

Während der menschliche Organismus
vielfältige Mechanismen zur Konstanthaltung seiner Erbsubstanz
aufbringt, gewinnen manche Viren durch den raschen Wechsel ihrer
genomischen Eigenschaften die Fähigkeit, auf das Immunsystem
des Wirtes individuell und flexibel zu reagieren. Dies trifft vor
allem für RNA- und Retroviren zu, da sie eine hohe Mutationsrate
während der RNA-Replikation aufweisen. Das Hepatitis-B-Virus
stellt diesbezüglich eine Ausnahme unter den DNA-Viren dar,
da während des Replikationszyklus der Umweg über eine
RNA-Synthese erfolgt und somit vergleichsweise viele Mutationen
entstehen können. In jedem Patienten zirkuliert ein Gemisch
unterschiedlicher Viren, die als Quasispezies bezeichnet werden.
Je nach individuellen Wirtsfaktoren und Immunstatus werden
unterschiedliche HBV Mutanten selektioniert.
Surface
Mutationen- "Flucht vor der Immunabwehr"

Die effektivste Immunabwehr des Wirtes wird durch Antikörper
gegen ein Oberflächenprotein der Virushülle (HBsAg) erreicht.
Diese Antikörper (anti-HBs) sind neutralisierend und bewirken
fast immer einen dramatischen Abfall der HBV-DNA auf Werte unterhalb
der Nachweisgrenze für die meisten PCRs. Durch Mutationen innerhalb
der Antikörperbindungsregion kann das Virus die Immunantwort
umgehen; man spricht von "escape- oder Flucht-Mutanten".
Es sind drei klinische Situationen beschrieben, in denen diese Varianten
eine wichtige Rolle spielen: Erstens können sie zu einer diagnostischen
Lücke führen, da die in den Untersuchungsverfahren
eingesetzten monoklonalen Antikörper nicht an das im Blut vorhandene
HBsAg binden. Auf diese Weise kann eine Infektion unerkannt bleiben.
Zweitens können Neugeborene einer Mutter, die diese Fluchtmutanten
überträgt, trotz Simultanimpfung infiziert werden. Zuletzt
spielen sie in der Transplantationsmedizin eine Rolle, da HBsAg-positive
Leberempfänger durch Immunglobulingaben zwar vor der Reinfektion
der neuen Leber geschützt werden sollen, diese jedoch nicht
gegen die Mutanten wirken. Hier hat die Kombination der passiven
Prophylaxe von Immunglobulinen in Kombination mit einem Nukleos(t)idanalogon eine wesentliche Verbesserung gebracht.
Die Escape-Mutanten sind selten aber in bestimmten klinischen
Situationen zu bedenken.
Polymerase-Mutationen
und Therapieresistenz

Durch den therapeutischen Einsatz von Lamivudin sind Mutationen
im HBV-Polymerase-Gen und hier vor allem in der vier-Aminosäureabfolge
des sogenannten YMDD-Motivs wichtig geworden. Bei ca. 20% der
behandelten Patienten sind diese Mutanten nach 1 Jahr nachweisbar.
Sie manifestieren sich klinisch meist durch eine Therapieresistenz
gegenüber Lamivudin und damit dem Wiederanstieg der HBV DNA.
Insgesamt gibt es derzeit fünf für Erwachsene zugelassene Nukleos(t)idanaloga,
die eine unterschiedliche Resistenzentstehung induzieren. Am
wenigsten häufig kommen Resistenzen bei Entecavir und Tenofovir vor.
Core-Promotor-Mutationen

Promotoren sind Sequenzabschnitte, die normalerweise einem Gen
vorgeschaltet sind und dessen Transkription beeinflussen. Der
Promotor des Core-Gens regelt die Transkription des HBcAg, HBeAg
und die Replikation des Virus. Mutationen in dieser Region können
daher weitreichende Auswirkungen haben. Der Mutationshotspot
liegt in einem Bereich, an den eine Vielzahl von
Transkriptionsfaktoren binden. Für den klinischen Alltag sind
diese Mutationen von untergeordneter Bedeutung.
PräS-Deletionsmutationen
wirken direkt zellschädigend

Die Proteine der PräS-Region übernehmen wichtige Funktionen
im "Zusammenbau" des Virus. Deletionen in diesem Bereich
des Virusgenoms können dazu führen, dass das Virus
in den Hepatozyten nicht mehr umhüllt wird und dadurch nicht
mehr aus der Zelle ausgeschleust werden kann. Das Resultat ist
die intrazelluläre Akkumulation der Virusproteine, die in
hoher Konzentration direkt zelltoxisch wirken. Diese Mutanten
sind im Kindesalter selten, können aber Grund für eine
anhaltende Leberentzündung trotz
anti-HBe-Serokonversion sein. Analysen in diesem Bereich sind
nur bei besonderen Verläufen und serologischen Konstellationen
indiziert.
PräCore-Mutationen
- Assoziation mit fulminanter Hepatitis

HBV-Varianten, die aufgrund einer Mutation innerhalb der PräCore-Region
kein HBeAg bilden, werden als HBeAg minus Variante bezeichnet.. Die häufigste Punktmutation
in diesem Bereich bewirkt
ein Stopkodon an der Basenpaarposition 1896 des Virusgenoms. Andere
Mutationen verändern das PräCore-Startkodon oder führen
durch Deletion oder Insertion zu einer Verschiebung der Tripletabfolge
innerhalb des Leserahmens. Alle Mutationen bewirken, daß HBeAg nicht mehr
vollständig translatiert wird.HBeAg minus Varianten
mit erhöhten Leberwerten und erhöhter Virusreplikation wurde mit einer
progredienten Lebererkrankung und auch mit einem geringeren
Ansprechen auf eine Interferontherapie assoziiert. Sie sind
häufig mit dem Genotyp D assoziiert. Die Prävalenz der PräCore-Mutanten ist im Kindesalter
im Vergleich zu Erwachsenen mit nur 5% sehr viel niedriger (bei
Erwachsenen ca. 30-80%).
Der seltene Fall eines fulminanten Leberversagens
ist bislang die einzige Situation von akuter klinischer Relevanz, in der HBeAg
minus Mutanten
häufiger nachweisbar sind. In einer älteren eigenen Untersuchung
an neun Mutter/Kindpaaren überlebte nur derjenige Säugling,
in dessen Blut neben der Mutante auch der Wildtyp zirkulierte.
Unter der Medikation von Lamivudin bei 4 weiteren Säuglingen kam
es zu keinem Todesfall.
|
 |